Der Not keinen Schwung lassen

Gerne würde ich schreiben: „Du entscheidest, was du aus deinem Leben machst“. Aber das stimmt nur begrenzt. Wenn du als Mädchen in Kabul geboren wirst, hast du sehr viel weniger Möglichkeiten, als wenn du eine Schule besuchen darfst. Zudem haben wir schon im Vorwort festgestellt, dass das Unglück auch ohne Einladung kommt. Martin, ein sehr guter Freund von mir, erkrankte an ALS. Was sollte er noch aus seinem Leben machen? Alles, was er sich wünschte, war ein schmerzloser Tod. Da kein Palliativplatz frei war, hat er schließlich aufgehört zu essen und zu trinken und ist qualvoll gestorben.

Mir ist vollkommen klar, dass wir nicht immer bestimmen können, was wir aus unserem Leben machen. Manchmal wird uns das Leben vollständig aus der Hand genommen. Aber im Normalfall können wir zumindest entscheiden, wie wir auf die Vorfälle des Lebens reagieren.

Als mein Vater tödlich verunglückte, hatte meine Mutter bereits zwei Kinder, meinen älteren Bruder und mich, und war mit dem dritten Kind schwanger. Ihre Devise war immer: „Der Not keinen Schwung lassen“. Sie blieb optimistisch und tatkräftig. Es gelang ihr, ein Reihenhaus in unserem Dorf zu kaufen, sie machte den Führerschein, schaffte sich für 190 DM einen alten dunkelgrünen VW Käfer an, mit dem sie in die Arbeit fuhr, und gründete später ein Maklerbüro.

Ein Schulfreund hatte ein ähnliches Schicksal. Finanziell stand seine Mutter weitaus besser da als meine, denn ihr Mann hatte ein Mietshaus hinterlassen, von dem die Familie gut leben konnte. Dennoch herrschte dort immer eine dunkle, bedrückte Stimmung.

Jedenfalls in einem gewissen Ausmaß ist jeder seines Glückes Schmied, und oft auch der Schmied seines Unglücks, denn am einfachsten ist es, sich gehen zu lassen und die Schuld für alles Negative in unserem Leben – je nach Lust und Laune – dem Pech, den Umständen, den anderen in die Schuhe zu schieben. Dann muss man nichts ändern, muss sich nicht anstrengen und hat immer einen Sündenbock.

Wie hat dir dieser Text gefallen?

Vergib 1 bis 5 Sternchen.

Was denkst du?

Was hat dir dieser Text gebracht? Was fehlt dir?
Bitte schreib mir, deine Meinung ist wichtig.

Sag's weiter

Kennst du jemanden, den dieser Text interessieren könnte? Teile ihn mit einem Klick.