Vorwort

Wie ich lernte, mein Leben in die Hand zu nehmen

Klaus P. Wolf als KindKlaus P. Wolf

„Ja, warum schaust du denn gar so grantig?“. Das waren die ersten Worte meiner Mutter, als ich ihr nach der Geburt in die Arme gelegt wurde, denn ich hatte tiefe Falten auf der Stirn. Das nahm ich mir zu Herzen und wurde ein fröhliches Kind.

Meine Eltern wohnten und arbeiteten in München und wollten mich in eine Kinderkrippe geben. Das gefiel meiner Oma gar nicht. Sie stieg in den Zug, klingelte an der Wohnungstür in Schwabing und erklärte: „Ich nehme den Klaus-Peter mit.“

So wuchs ich in der Familie meiner Großeltern in einem Dorf in der Nähe von Rosenheim auf. Dort lebten neben Oma und Opa auch mein fünf Jahre alter Bruder und meine beiden Tanten, 11 und 19. Wir vier schliefen in einem Zimmer. Jeden Abend gab es eine Kissenschlacht und eine Gespenstergeschichte. Im Frühsommer ließ uns das ohrenbetäubende Froschkonzert vom nahen Weiher kaum einschlafen. Mama und Papa besuchten uns an jedem Wochenende.

Oma sagte zu mir: „Du bist mein Sonnenschein“, und ich antwortete: „Und du bist meine Kulimuh“, denn ich liebte Kühe über alles. Ich kannte jeden Kuhstall im Dorf. Der Verkäuferin im Dorfladen erklärte ich, dass ich zwar „Wolf“ heiße, aber nicht beiße.

Wenige Tage nach meinem sechsten Geburtstag hatte mein Vater einen Autounfall. Auf gerader Strecke kam ein entgegen­kommender Wagen von der Fahrspur ab und die Autos stießen frontal zusammen. Der andere Fahrer war betrunken. Mein Vater erlitt 17 Rippenbrüche.

Als wir ihn im Krankenhaus besuchten, faszinierte mich am meisten eine Zeichnung, die mein Vater angefertigt hatte: Ein Mann hängt in einer Toilette, klammert sich aber mit Beinen und Armen fest, damit er nicht hinuntergespült wird.

Kurz darauf besuchten uns Wolf-Oma und -Opa, die Eltern meines Vaters. Ich spielte im Hof und sprang ihnen fröhlich entgegen. Doch als sie ausstiegen, fror ich ein. Oma und Opa waren kreidebleich und hatten verweinte Augen. Ich folgte ihnen die Treppen hoch und stand dabei, als sie meiner anderen Oma erklärten, was geschehen war: Ihr Sohn, mein Vater, war gestorben.

Von da an trug meine Mutter schwarz. Die Nachbarschaft kam zum Kondolieren. Ich hörte, was passiert war: Wegen der vielen Rippenbrüche musste mein Vater operiert werden. Während der Narkose blieb sein Herz stehen. Drei Stunden lang massierten die Ärzte das offene Herz. Dann gaben sie auf.

Als meine Mutter mit einem Strauß Blumen in der Hand das Krankenzimmer betrat, um zur gelungenen Operation zu gratulieren, standen um das Bett herum brennende Kerzen. Meine Mutter warf den Blumenstrauß von sich und rannte schreiend auf die Straße.

Als ich Erwachsene sagen hörte: „Wie gut, dass er das noch nicht versteht“, fühlte ich mich sehr unverstanden. Ich spürte, dass ich mich auf mich selbst verlassen musste.

Ich war der Erste aus der ganzen Verwandtschaft, der ein Gymnasium besuchen sollte, und meine Mutter fragte mich, ob ich das wolle. Ich verstand, dass ich so mehr Berufe zur Auswahl haben würde, und sagte: „Ja.“

In der 7. Klasse hatte ich keine Zeit zu lernen. Ich war lieber mit Martina zusammen, die mich „Gauki“ nannte. Im Zwischenzeugnis standen eine Sechs in Latein und zwei Fünfer, in Deutsch und Mathe.

Meine Mutter sagte: „Gell, das Gymnasium ist halt doch nicht das Rechte für dich. Sollen wir dich von der Schule nehmen?“ Meine Antwort war: „Nein.“ Ich engagierte eine Nachbarstochter als Nachhilfelehrerin in Latein für fünf Mark pro Stunde. Den Deutschlehrer fragte ich, was ich tun könne, um mich zu verbessern. Er sagte: „Lerne die Bürgschaft, du Tropf.“ Diese wunderbare Ballade, die eigentlich “Freundschaft” heißen müsste, kann ich noch heute aus dem Stand aufsagen. Im Abschluss­zeugnis der 7. Klasse stand keine Sechs und keine Fünf mehr.

Während des Studiums störte es mich nicht, dass alle den Kopf schüttelten, wenn ich erzählte, dass ich Jura studierte, um Fotograf zu werden. Das Studium war mein Sicherheitsnetz, falls der Traumberuf ein Traum bleiben würde.

Ich schaffte es, den Traum zu verwirklichen. Gerade bin ich von einer dreimonatigen Fotosafari durch die Nationalparks und Naturreservate von Uganda, Tansania und Kenia zurückgekehrt – mit Tausenden Bildern im Gepäck.

Diese Frage hatte mich immer beschäftigt:

Was kann ich tun, um die besten Chancen auf ein glückliches und erfülltes Leben zu haben?

Die Antwort schenkte ich meiner Freundin Anne zur Hochzeit. Fast wie von selbst schrieb meine Hand auf, was über die Jahre in meinem Kopf entstanden war, und ich trug es der Hochzeitsgesellschaft vor.

Es war ein Märchen geworden und handelte von einer Prinzessin und einem Prinzen, die auf ihrer Hochzeitsreise in eine Gegend kamen, in der die Menschen auffallend glücklich und wohlhabend waren. Ihr Geheimnis war eine Buchstabensuppe, die nur aus Fs bestand und die sie jeden Tag aßen: Fitness, Focus, Family & Friends, Financial Freedom und Fun.

In dieser kleinen Geschichte steckte das Ergebnis meiner langjährigen Überlegungen: Ein erfülltes Leben besteht aus verschiedenen Lebensbereichen, die alle dauerhaft Aufmerksamkeit brauchen.

Die Idee, diese fünf Bereiche mit den fünf Fingern zu verbinden, lag auf der Hand. So entstand die 5-Finger-Methode.

Jetzt bin ich 67 Jahre alt und lebe seit bald 40 Jahren glücklich mit meiner Traumfrau zusammen. Sie ist Fotografin und Geigerin. Wir sind gesund, arbeiten an interessanten Projekten, haben zwei wunderbare Söhne, müssen uns keine finanziellen Sorgen mehr machen und lachen viel miteinander.

Unser Leben ist das Ergebnis unzähliger, oft winziger Entscheidungen über Jahrzehnte hinweg.

Die Grundsätze der 5-Finger-Methode haben uns dabei bewusst und unbewusst geleitet. Natürlich ist uns klar, dass zu einem gelungenen Leben auch eine Prise Glück gehört. Doch das habe ich gelernt:

Unglück kommt auch ungebeten, aber das Glück kann man einladen.

In diesem Buch werde ich all meine Erfahrungen und mein Wissen mit dir teilen, damit du dem Glück eine wirksame Einladungskarte schreiben kannst.

München, im Dezember 2025 – Klaus P. Wolf

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