Kapitel 2

Du bist ein Wunder aus Sternenstaub

Kasperl: (Greift wild in der Luft herum, atemlos) Ich will mein Leben in die Hand nehmen! Aber wie soll ich das machen?

Gretel: (Lacht) Indem du die Verantwortung für dein Leben übernimmst und entsprechend handelst. Das Wort „Hand“ steckt im Wort „handeln“. Du kannst also sofort beginnen.

Kasperl: Ach, wie klug du bist. Und im Wort „Verantwortung“ steckt „Antwort“. Darf ich dir also eine Antwort geben…

Gretel: (Schneidet ihm das Wort ab) … ja, gib mir die Antwort auf die Frage, wofür du Verantwortung übernehmen sollst.

Kasperl: Na, für mein Leben.

Gretel: Genau, und um zu verstehen, was das ist, lautet die Frage?

Kasperl: Hoho, die Gretelfrage: was ist mein Leben, wer bin ich – erkenne dich selbst und so. Das ist mir zu abgehoben! (Nimmt einen tiefen Schluck aus einem großen Maßkrug, beißt genüsslich in eine Riesenwurst. Spricht mit vollem Mund weiter.) Die Frage „aus was bin ich“, die kann ich schon eher beantworten.

Gretel: (Verdreht die Augen in den Himmel) Mein geliebter Kasperl, du bist aus Sternenstaub.

Kasperl: (Steckt die Wurst in den Maßkrug, dass das Bier nur so spritzt, und schlägt sich die Hände vor die Stirn) Ach, Gretel!


Hat Gretel vielleicht sogar recht?

Das Universum entsteht

Vor unvorstellbaren 13,8 Milliarden Jahren beginnt der Raum sich auszudehnen. Diesen Anfang nennen wir Urknall.

Der Urknall erzeugt Wasserstoff und Helium. Aufgrund der Schwerkraft ziehen sich Gaswolken zusammen, die sich immer mehr verdichten, und schließlich in sich zusammenstürzen.

Dabei wird es heiß und immer heißer. Ab etwa zehn Millionen Grad zündet die Kernfusion. Ein Stern beginnt zu leuchten. Zwischen hundert Millionen und einer Milliarde Grad entstehen in seinem Inneren die schwereren Atome: der Kohlenstoff, der deine Zellen zusammenhält, der Sauerstoff im Wasser, aus dem du zu über der Hälfte bestehst. H2O. In jedem Wassermolekül in dir stecken zwei Atome vom Anfang der Zeit und eines aus dem Inneren eines Sterns.

Das Licht verrät es uns. Jedes Element hinterlässt darin einen Fingerabdruck. Astronomen zerlegen das Licht ferner Sterne in seine Farben und lesen daraus ab, woraus sie bestanden und wie heiß sie waren.

Auch Licht braucht Zeit. Was ein Teleskop aus zehn Milliarden Lichtjahren Entfernung einfängt, ist zehn Milliarden Jahre alt. Wir sehen heute dabei zu, wie vor Milliarden Jahren aus Gaswolken neue Sterne entstehen.

Die Erde entsteht

Dank einer Idee von Carl Sagan können wir uns den Zeitablauf seit dem Urknall gut vorstellen: Wir packen die ganze Geschichte des Universums in ein Kalenderjahr: jetzt ist der 31. Dezember, 24:00 Uhr, und am 1. Januar um 0:00 Uhr fand der Urknall statt. Ein Tag in unserem kosmischen Jahr dauert 38 Millionen Jahre, eine Stunde 1,6 Millionen Jahre und eine Sekunde 440 Jahre.

Große Sterne kollabieren, explodieren, schleudern ihre Materie ins All. Aus diesem Sternenstaub, aus diesen Atomen bilden sich neue Sonnensysteme. Vor rund 4,6 Milliarden Jahren, Ende August in unserem kosmischen Jahr, entsteht unsere Sonne, kurz darauf, am 2. September, unser Planet Erde.

Das Leben entsteht

Vor rund 3,7 Milliarden Jahren, Ende September, regt sich erstes Leben auf der Erde. Ein Molekül mit einer revolutionären neuen Eigenschaft entsteht: Es kopiert sich selbst. Das geschieht zweieinhalb Milliarden Jahre lang. Jede neue Zelle ist mit der vorherigen identisch.

Vor rund einer Milliarde Jahren, am 3. Dezember, wird das einer Rotalge zu langweilig. Bangiomorpha pubescens heißt das älteste Lebewesen, bei dem sich männlich und weiblich unterscheiden lassen. Die sexuelle Fortpflanzung mischt das Erbgut und schafft unzählige Varianten. Einige immer besser an die verschiedenen Lebensbedingungen angepasst als die anderen. Das ist der Turbozünder der Evolution.

Damit wir den ganzen Stress, den die sexuelle Fortpflanzung mit sich bringt, auf uns nehmen, erfindet die Evolution den Spaß am Sex und den Sexualtrieb. Durch unzählige Paarungen, Zufälle, Unfälle, Anpassungen und Abspaltungen entwickeln sich alle Arten, die zwischenzeitlich ausgestorben sind, und alles, was heute lebt.

Ohne Unterbrechung reicht deine biologische Abstammungslinie zurück bis zu jenem ersten Molekül. Alle deine Vorfahren sind erfolgreich und überleben, zumindest lange genug, um sich fortzupflanzen. Sie schwimmen durch urzeitliche Meere, bekommen Augen, kriechen an Land, beginnen aufrecht zu gehen, entwickeln ein immer größeres Hirn und Hände mit Daumen.

Wir entstehen

Vor 3,3 Millionen Jahren, also vor zwei Stunden, nimmt eins dieser Wesen einen Stein in seine Hand und schlägt ihn so auf einen anderen Stein, dass Stücke abspringen und eine scharfe Kante entsteht. Dieser kantige Stein erweist sich als sehr praktisch beim Ausgraben von Wurzeln, beim Jagen und beim Kämpfen. Darum beschlagen sie weitere Steine. So beginnen sie erste Werkzeuge herzustellen.

Vor etwa einer Million Jahren, vor vierzig Minuten, fährt wie so oft ein Blitz in einen Baum, aber statt zu fliehen, streckt einer seine Hand aus und greift sich einen brennenden Ast. Sie tragen ihn in ihre Höhle, füttern ihn mit dürren Zweigen und wachen über ihr Feuer, damit es nicht erlischt. Jetzt können sie ihr Essen kochen. Sie nehmen die Nahrung besser auf, und ihr hungriges Hirn kann wachsen.

So entstehen wir, mit unserem großen Hirn, die wir uns Homo sapiens nennen. Uns gibt es seit rund 300.000 Jahren, seit elf Minuten.

Vor etwa 130.000 Jahren, vor fünf Minuten, beginnen wir miteinander zu sprechen und erzählen uns Geschichten. Wir betrauern und bestatten unsere Toten und verstehen, dass auch wir sterben werden. Wir erfinden Riten und Religionen, um Halt zu finden und uns alles zu erklären. Vor 40.000 Jahren oder anderthalb Minuten bemalen unsere ersten Künstler mit ihren Händen die Wände unserer Höhlen.

Dann geht alles ganz schnell. Wir bestellen Felder, züchten Schafe und Ziegen, bauen Häuser, Schiffe, Straßen, erfinden das Rad, gründen die ersten Städte und führen Kriege. Wir erfinden die Schrift und die Zahlen, um Abgaben und Schulden festzuhalten und den Lauf der Gestirne zu berechnen. So erfinden wir den Kalender, damit wir zur rechten Zeit säen. Wir teilen den Tag in Stunden, um uns verabreden zu können. Wir gründen Länder und führen wieder Kriege. Wir erfinden das Geld, das uns erlaubt, Waren leichter zu tauschen. Wir erringen und verlieren die Demokratie, erfinden die Dampfmaschine, das Fahrrad, die Eisenbahn, das Auto, das Internet, das Mobiltelefon und die KI, die es lange nicht schafft, Finger richtig darzustellen. Wir erfinden Impfstoffe, die Waschmaschine und Kochrezepte, wir schreiben Gedichte und Symphonien, spielen Schach und Fußball, bauen den Eiffelturm und drehen den Film „Modern Times“.

Wie wir in unseren modern times leben, verdanken wir unseren Vorfahren und Mitmenschen. Und all das, vom ersten Saatkorn bis zu diesem Buch, geschieht in den letzten 13.000 Jahren, in den letzten 30 Sekunden unseres kosmischen Jahres.

Du entstehst

Es ist ein gigantischer Massenstart. Bis zu einer halben Milliarde Teilnehmer rasen los. Alle wollen das Gleiche. Nur einer kann gewinnen. Ganz selten gibt es zwei erste Plätze, aber fast immer scheitern alle. Doch dieses Mal glückt es einer Samenzelle deines Vaters, mit einer Eizelle deiner Mutter zu verschmelzen. Innerhalb von 24 Stunden teilt sich die befruchtete Eizelle das erste Mal. Dann wieder. Und immer wieder.

Nach etwa drei Wochen formt sich ein winziges Rohr, Vorläufer von Gehirn und Rückenmark. Dein Herzchen beginnt zu pochen, kleiner als ein Stecknadelkopf.

In der vierten Woche wachsen dir am Hals Wülste. Würdest du ein Fisch, würden daraus Kiemen. In deinem Fall entstehen daraus Unterkiefer, Kehlkopf und deine winzigen Gehörknöchelchen, Hammer, Amboss und Steigbügel. Durch sie hörst du die Stimme, die dir hoffentlich gerade „Ich liebe dich“ ins Ohr flüstert.

In der sechsten Woche hast du einen Schwanz mit einem Dutzend Wirbeln, länger als die Knospen, aus denen deine Beine werden. Ab der achten Woche bildet er sich zurück. Übrig bleibt dein Steißbein.

Am Ende des zweiten Monats sind alle grundlegenden Strukturen angelegt. Es gibt Augen hinter geschlossenen Lidern, Händchen mit fünf winzigen Fingern.

Nach neun Monaten wird das neue Menschlein geboren. Es beginnt zu schreien mit seiner einzigartigen Stimme. Wenn etwas seine Handfläche berührt, greift es zu und lässt nicht mehr los.

Dieses neue Menschlein bist du. In unserem kosmischen Jahr bist du am 31. Dezember entstanden, im letzten Bruchteil der letzten Sekunde vor Mitternacht.

Du bist aus Sternenstaub

Jetzt bist du erwachsen und wiegst vielleicht 70 Kilo. Dann bestehst du aus rund 7.000.000.000.000.000.000.000.000.000, 7 Quadrilliarden Atomen. Eine Sieben mit 27 Nullen. Sieben Milliarden Milliarden Milliarden.

Wenn du deine Atome zählst, jede Sekunde eine Milliarde, bist du schon nach 200 Milliarden Jahren fertig. Das Universum ist 13,8 Milliarden Jahre jung. Wenn jedes deiner Atome ein Sandkorn wäre, würde dieser Sand die gesamte Erde bedecken, mit einer Schicht dicker als ein Kilometer.

Und was sind das für Atome? 62 Prozent Wasserstoff, 24 Prozent Sauerstoff, 12 Prozent Kohlenstoff, dazu je ein Prozent Stickstoff und alles Übrige: Calcium, Phosphor, Kalium, Schwefel, Natrium, Eisen.

Deine Wasserstoffkerne entstanden in den ersten Minuten nach dem Urknall. 62 Prozent deiner Atome sind also so alt wie das Universum. Älter geht’s nicht. Alle anderen wurden erst Milliarden Jahre später geboren, im Inneren von Sternen. Heliumkerne verschmolzen zu Kohlenstoff, Sauerstoff und Stickstoff entstanden. Und wenn große Sterne als Supernovae starben, entstanden die schwersten Bausteine deines Körpers, darunter das lebenswichtige Eisen in deinem Blut.

Gretel hat also recht. Zu gut einem Drittel bist du aus Sternenstaub. Zu fast zwei Dritteln bist du noch älter: entstanden am Anfang von Zeit und Materie.

Stoff-Wechsel

Der Stoff, aus dem du bist, sind deine Atome. Sie wechseln beständig. Mit jedem Bissen, jedem Schluck, jedem Atemzug ziehen neue Atome in dich ein. Mit jedem Ausatmen, jedem Tropfen Schweiß, jedem Gang zur Toilette ziehen andere wieder aus.

Deine Haare gehören geschnitten. Deine Fingernägel auch. Sie waren vor Kurzem noch dein Frühstück. Du wechselst deine Haut innerhalb weniger Wochen. Deine roten Blutkörperchen transportieren vier Monate lang den Sauerstoff von der Lunge in die Zellen, dann werden sie ersetzt.

In einem Jahr werden etwa 98 Prozent der Atome deines Körpers ausgetauscht. Am schnellsten wechselt das Wasser: die Hälfte der Moleküle alle acht Tage. Am längsten bleibt das Eisen. Nach etwa fünf Jahren ist von dem Körper, den du heute hast, praktisch kein Atom mehr übrig.

Die Erde dagegen ist für Materie ein nahezu geschlossenes System. Sehr wenig Kohlenstoff, Sauerstoff oder Stickstoff geht an den Weltraum verloren, nur gelegentlich bringen Meteoriten kleine Mengen neuen Materials auf unseren Planeten.

Du bestehst aus sieben Milliarden Milliarden Milliarden Atomen, alle so alt wie die Erde oder älter. Du bist, wie alle anderen Lebewesen, eine Durchgangsstation. Deine Atome waren früher woanders verbaut und werden in Zukunft wieder woanders eingebaut.

Der Schluck Wasser, den du gerade trinkst, ist aus Meeren verdunstet, war Wolke, fiel als Regen, floss durch Flüsse, durch Pflanzen, durch Tiere, durch Menschen. Millionen Mal, seit Milliarden Jahren.

In jedem Atemzug stecken mehr Moleküle, als es Sandkörner auf der Erde gibt. Die Atmosphäre mischt sie durch. Die Statistik lässt dir keinen Ausweg: Du atmest gerade Moleküle ein, die schon Kleopatra geatmet hat.

Meine Kinder hatten eine große Kiste voller Legosteine. Sie bauten daraus alles Mögliche und rissen es wieder ein. Derselbe Stein steckte einmal in einem Saurier, dann in einer Ritterburg, dann in einem Raumschiff. Genauso wandern deine Atome. Ein Eisenatom in deinem Blut war vor 70 Millionen Jahren vielleicht Teil eines Tyrannosaurus rex, im Mittelalter Teil eines Raubritters. Und in naher Zukunft fliegt es im Blut eines Astronauten zum Mars.

Vielleicht meinte der altersweise Goethe etwas ähnliches, als er dieses Gedicht schrieb:

Vermächtnis

Kein Wesen kann zu nichts zerfallen,
Das Ew’ge regt sich fort in allen,
Am Seyn erhalte dich beglückt!
Das Seyn ist ewig, denn Gesetze
Bewahren die lebend’gen Schätze
Aus welchen sich das All geschmückt.

Johann Wolfgang von Goethe

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