Tun oder Lassen, das ist die Frage
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Kommt dir das Leben manchmal vor wie ein Kasperltheater? Mir auch. Bei mir sind Kasperl und Gretel sogar eingezogen. Sie tauchen auf, wann sie wollen. Auweia, da sind sie schon wieder.
Kasperl: (Schlägt die Hände über dem Kopf zusammen) Der Autor hat keine Ahnung, keine Ahnung, keine Ahnung von nichts!
Gretel: (Lacht) Wieso?
Kasperl: Ja schau dir doch die Überschrift an. Dieser berühmte Satz heißt doch nicht „Tun oder Lassen, das ist die Frage“!
Gretel: Wie heißt der berühmte Satz denn?
Kasperl: Äh, ja, also … äh, das weiß ich grad auch nicht. Ich kann doch nicht alles wissen.
Gretel: Aha.
Kasperl: Genau, der Satz heißt „Wissen oder Nichtwissen, das ist die Frage!“
Gretel: Und die Antwort?
Kasperl: Die Antwort, die Antwort … die die Antwort muss heißen „Weiß nix – macht nix“!
Da liegt Kasperl doch ganz nah bei Sokrates, dem der Satz „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ zugeschrieben wird. Wir glauben aber alle gerne genau das Gegenteil. Und warum? Weil wir alle geistig im Tal oder bestenfalls in der Ebene wohnen. Je enger das Tal ist, desto eher glauben wir, dass wir alles kennen und wissen. Wenn wir uns die Mühe machen, auf einen Hügel zu steigen, dann sehen wir, dass sich das Land viel weiter erstreckt als wir dachten.
Je höher du steigst und je mehr du weißt, desto weiter reicht dein Horizont und dir wird bewusst, wie unendlich viel du nicht weißt. Sokrates stellt das trocken fest. Kasperl sagt das Gleiche, aber er tröstet sich und uns gleich ein bisschen: „Weiß nix – macht nix“. Kasperl ist netter als Sokrates.
Aber wie lautet der Satz denn nun wirklich? Nicht der berühmte, sondern der in unserem Zusammenhang richtige Satz? Wie immer hat Kasperl zumindest ein bisschen recht. Darum habe ich den Satz korrigiert:
Was tun und lassen, das ist die Frage
Da du zu einem Zeitpunkt nur an einer Stelle sein kannst, musst du wählen. Du kannst leider nicht gleichzeitig im Bett liegen und im Frühtau zu einer wunderbaren Bergtour aufbrechen.
Wenn du was tust, musst du was anderes lassen und auch ein Lassen kann ein Tun sein. Wenn du zum Beispiel das Essen lässt, weil du keinen Hunger, aber schon zu viele Pfunde hast, dann tust du damit etwas sehr richtiges und wichtiges, nämlich dich bewusst ernähren.
Vielleicht meint Wilhelm Busch das, wenn er so schön reimt:
„Das Gute – dieser Satz steht fest –
ist stets das Böse, was man läßt.“ Wilhelm Busch, Die fromme Helene
Sind Tun und Lassen zwei Seiten der gleichen Münze?
Deine Taler heißen Tula
Du gestaltest dein Leben durch das, was du tust und lässt. Stell dir Münzen vor. Auf der einen Seite ist ein „T“ für tun abgebildet und auf der anderen Seite ein „L“ für lassen geprägt. Die Währung heißt – Tula.
Egal was du tust oder lässt, solange deine Zeit reicht, hast du Tulas, die du ausgibst. Du kannst viele Tulas mit der T-Seite nach oben in wichtige Projekte investieren und blöde Bemerkungen und unverschämte E-Mails grundsätzlich mit Tulas bezahlen, bei denen die L-Seite nach oben zeigt.
Wie und was hast du zuletzt bezahlt? Du erinnerst dich nicht? Dann bist du in bester Gesellschaft. Wir alle geben unsere meisten Tulas automatisch aus. Ohne darüber nachzudenken, ob uns die Ausgabe nützen oder schaden wird. Das nennt man Gewohnheit.
Kasperl: (Nachäffend) Das nennt man Gewohnheit. Und wo wohnt die Gewohnheit gewöhnlich?
Gretel: (Lacht) Ja, wo denn?
Kasperl: Das weiß ich nicht. Nach einem so schönen Reim ist mein Gehirn erschöpft.
Gretel: Jetzt hast du es gesagt: im Gehirn, und wenn ich mich nicht irre, gibt es später ein ganzes Kapitel darüber.
Kasperl: Juhuu, dann besuchen wir gerne die Gewohnheit im Gehirn.
Gretel: Wenn wir die Zeit dazu finden.
Kasperl: Das wissen wir, wenn wir das Kapitel darüber gelesen haben.
Gretel: Wieso?
Kasperl: Weil es auch über die Zeit ein Kapitel geben wird.
Gretel: Was Du nicht alles weißt!
Kasperl: Heute ist der ausnahmsweise-Tag.
Gretel: Wieso?
Kasperl: Weil du ausnahmsweise recht hast. Und ich ausnahmsweise einen Spaß gemach habe. Ich weiß nämlich nicht nix. Ich weiß alles.
